Gedanken eines Luftfahrt-Auditors

Worauf Auditoren in der Luft- und Raumfahrt besonders achten

Flugzeuge sind bekanntlich das sicherste Verkehrsmittel. Das ist auch gut so, denn im Falle eines Flugunfalls ist mit drastischen Personenschäden zu rechnen. Doch was macht das Fliegen so sicher?

Die Antwort lautet:

Sorgfalt. Zu jeder Zeit.

Die zu waltende Sorgfalt bei der Produktion von Komponenten für die Luftfahrt ist kein Zufall, sondern geht im Wesentlichen auf Normanforderungen zurück. Im folgenden Beitrag möchte ich anhand von vier Beispielen einen Einblick in die Gedanken eines Luftfahrt-Auditors geben.

Die EN 9100

Eine Übersicht über die notwendige Sorgfalt bei der Produktion von Komponenten für die Luftfahrt liefert die EN 9100. Sie ist eine europäische Norm und beschreibt Anforderungen an Organisationen, die Produkte für die Luft- und Raumfahrt herstellen. Die EN 9100 ist eng mit der DIN EN ISO 9001 verwandt, die Anforderungen an prozessorientierte, risikobasierte Managementsysteme festlegt. Der Unterschied zwischen den beiden Normen ist, dass die EN 9100 weiterreichende, spezifische Anforderungen enthält, welche die Organisationen aus der Luft- und Raumfahrt erfüllen müssen.

Zudem haben die OEM (Original Equipment Manufacturer wie z.B. Airbus, Boeing) weitere Anforderungen an ihre Lieferanten, die durch spezielle, kundenspezifische Audits geprüft werden. Die Kundenaudits sind dabei sehr eng an die EN 9100 angelehnt.

In meiner Tätigkeit als Supply Chain Manager habe ich zahlreiche Luftfahrt-Audits bei verschiedenen Lieferanten durchgeführt. Dabei war stets ein wichtiges Auditziel, die systematischen Fehlerquellen zu identifizieren. Auditoren sprechen hier zunächst von „Feststellungen“. Eine Feststellung ist jedoch noch keine Abweichung. Bei einem Audit geht es nicht darum, einzelne Fehler aufzufinden. Natürlich lassen sich einzelne Fehler als Abweichungen in den Auditbericht packen, das ist jedoch nicht im Sinne des Erfinders. Der Auditor will systematische (oder potenzielle) Fehlerquellen aufdecken, die sich aufgrund von suboptimalen Prozessen wiederholen und zu einer Gefahr für die Qualität werden können.

Lieferanten

Die EN 9100 schreibt vor, dass es eine Liste der Lieferanten geben muss. Ich habe mir in meiner Zeit als Luftfahrt-Auditor immer die Liste der Lieferanten zeigen lassen. Manche Unternehmen haben dazu Datenbanken angelegt, andere hatten eine sauber gepflegte Excel-Liste.

Diese Liste muss zudem den Status des Lieferanten enthalten (z.B. zugelassen, bedingt zugelassen oder gesperrt). Ich habe mir aus dieser Liste einen beliebigen Lieferanten herausgesucht und mir die Lieferantenbewertung dazu angeschaut. Diese muss laut EN 9100 regelmäßig (z.B. jährlich) erfolgen. Als Kriterien für die Lieferantenbewertung sind z.B. die Liefertreue (OTD = On Time Delivery), Qualitätskennzahlen (Fehlerhafte Lieferungen in parts per million) und die Bewertung des Service (durchschnittliche Antwortzeiten des Lieferanten) geeignete Kennzahlen.

Aus einer Stichprobe von drei bis vier wichtigen Lieferanten konnte ich durch die letzten zwei bis drei Lieferantenbewertungen eine Idee davon bekommen, ob die Bewertung gängige Praxis ist und in der Organisation gelebt wird.

Corrective Action Request

Beim Durchsehen der Liste der zugelassenen Lieferanten habe ich auch einen Blick auf gesperrte oder bedingt zugelassene Lieferanten geworfen und gleich nach dem Grund der Sperrung gefragt. Wenn als Antwort z.B. „zu viele mangelhafte Lieferungen“ gekommen ist, dann hatte ich direkt eine Vorlage zur Prüfung des sogenannten Corrective Action Request (CAR).

Der CAR ist eine weitere Forderung aus der EN 9100. Bei fehlerhaften Kaufteilen, die entweder im Wareneingang, in der Produktion oder – noch viel schlimmer – beim eigenen Kunden auffällig sind, erhält der Lieferant eine Mängelrüge, wie es auch im Rahmen der DIN EN ISO 9001 üblich ist.

Zusätzlich stellt der Kunde einen CAR an den Lieferanten. Hierfür muss der Lieferant ein Formblatt per Papier oder online ausfüllen, das an einen 8D-Bericht angelehnt ist. Dieses Formblatt enthält meist folgende Punkte:

  • Beschreibung der Nichtkonformität
  • Sofortmaßnahmen
  • Ursachenanalyse
  • Abhilfemaßnahmen
  • Vorbeugende Maßnahmen

Weiterhin sind die Kriterien für die Validierung der Abhilfemaßnahmen zu bestimmen. Sofern es der Zeitplan zuließ, habe ich mir auch noch die Nachweise des Lieferanten für die Validierung der Abhilfemaßnahmen angeschaut und kritisch bewertet.

Rückverfolgbarkeit

Das Schönste an einem Audit ist der Gemba-Walk. Mit Gemba ist für Auditoren der „Ort des Geschehens“ gemeint, also der Ort der Wertschöpfung. Der Auditor weiß genau, dass in der Produktionshalle alles für das Audit vorbereitet wurde: Die Arbeitsstationen sind hergerichtet, der Boden ist gewienert und die kompetentesten Mitarbeiter sind vor Ort.

An dieser Stelle habe ich immer gerne ein Schwätzchen mit den Mitarbeitern aus der Produktion gehalten und mir erklären lassen, welchen Beitrag die jeweilige Person zur Wertschöpfung leistet. So konnte ich z.B. das Thema der Rückverfolgbarkeit prüfen.

Bei der Erstellung von Produkten für die Luft- und Raumfahrt ist es besonders wichtig, dass Komponenten mit Seriennummer in den Produktionsunterlagen dokumentiert werden. Es muss nachvollziehbar sein, in welches Endprodukt die jeweilige Komponente verbaut wurde. Bei Kleinteilen, die in Chargen geliefert werden, muss rückverfolgbar sein, aus welcher Charge die Kleinteile kommen, die schließlich im Produkt landen. Die Rückverfolgbarkeit wird in der Luftfahrt meist mit dem englischen Wort traceability bezeichnet. In der Praxis braucht es dazu einen wirkungsvollen Prozess, der im Wareneingang mit der Archivierung von Prüfzeugnissen und Konformitätserklärungen der Kaufteile beginnt und (für die eigene Organisation) beim fertigen Produkt endet.

Auch hier geht es dem Auditor nicht darum, einzelne Fehler zu finden, sondern dass die Rückverfolgbarkeit per se funktioniert. Insbesondere bei kleinen Teilen, wie Dichtungen, Federn oder Klammern wird der Auditor besondere Aufmerksamkeit darauf haben, dass sie zur Charge rückverfolgbar und die vom Lieferanten mitgelieferten Konformitätserklärungen korrekt archiviert sind.

FOD

Zudem habe ich stets besonderes Augenmerk auf Fremdobjekte gerichtet. Die EN 9100 enthält einen harmlos erscheinenden Nebensatz, dass es kontrollierte Bedingungen für die Verhütung, Erkennung und Entfernung von Fremdobjekten geben muss. Alles rund um diese Regelung wird mit der Abkürzung FOD (Foreign Object Debris) bezeichnet. Die meisten Unternehmen haben für das Thema FOD eigene Prozesse entwickelt und alle betroffenen Mitarbeiter sind unterwiesen.

Die Produktion von Komponenten für Flugzeuge bzw. Fluggeräte wird damit zur sogenannten FOD-Area. In diesen Bereichen müssen die Mitarbeitenden besondere Sorgfalt walten lassen, sodass keine Fremdobjekte (z.B. Haarnadeln, Ohrringe, Büroklammern usw.) verlorengehen und fälschlicherweise in einem Produkt oder einer Komponente landen. Am besten ist also, wenn man solche kleinen Gegenstände erst gar nicht mit in die Produktion nimmt, sondern vor Betreten der Produktion in ein Schließfach sperrt.
Sah ich mehrere (insbesondere kleine) Fremdobjekte während des Gemba-Walks, dann musste ich davon ausgehen, dass der FOD-Prozess nicht wirksam ist. Insbesondere die OEM sehen ein Fremdobjekt sehr kritisch.

Beispiel: Durch elektrisch leitfähige Fremdobjekte (wie z.B. ein Kaugummipapier mit Aluminiumbeschichtung) können gefährliche elektrische Kurzschlüsse entstehen, die zu einer Systemstörung und somit zu gefährlichen Situationen während des Fluges führen können.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die hohe Sicherheit von Flugzeugen u.a. auf konsequente Erfassung, Bewertung und Kontrolle jedes einzelnen Schrittes der Wertschöpfung zurückzuführen ist. Die Umsetzung der EN 9100 bedeutet für die Lieferanten einen hohen Aufwand und ständige Überwachung durch den Kunden.

Die Anforderungen an Lieferanten sind hoch und es wird eine vollkommen kontrollierte Prozessumgebung vorausgesetzt. Die hier aufgeführten Punkte stellen nur einen kurzen Auszug an Anforderungen aus der EN 9100 dar.

Wir Luftfahrt-Auditoren halten uns stets die große Bedeutung der Sicherheit vor Augen und leisten durch gezieltes (und teilweise unermüdliches) Fragen unseren Beitrag. Wir fragen so lange, bis der Prozess des Lieferanten glasklar ist. Nur so können wir die Konformität mit den Anforderungen aus der EN 9100 wirkungsvoll prüfen. Und das machen wir gerne. Oder würden Sie mit einem Flugzeug fliegen, dass unter unzureichend kontrollierten Bedingungen gebaut wurde?


Bildnachweis:

iStock.com/RicAquiar

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